Ist "recyceltes" Gold eine gute Sache?

An sich ja. Funktioniert es? Nein.

Im Moment biete ich kein „recyceltes" Gold an. Nicht, weil ich gegen die Idee bin, im Gegenteil. Sondern weil ich beim Nachlesen auf eine Frage gestoßen bin, die sich bei diesem Gold nicht beantworten lässt. Hier ist, was in den Berichten steht, die jede und jeder selbst nachlesen kann.

Die Anführungszeichen um „recycelt" stehen bewusst da. Am Ende wird klar, warum.

Gibt es überhaupt eine feste Definition von „recyceltem" Gold?

Nein.

Das ist nicht meine Meinung, das schreibt der WWF. Im Watch and Jewellery Report 2023 heißt es, es gebe keine einheitliche Branchendefinition, was „recyceltes" Gold sei — für Käuferinnen und Käufer sei dadurch unmöglich zu erkennen, was hinter dem einfachen Wort stecke.

there is currently no alignment of industry standards on the definition of what recycled gold is, rendering it impossible for the public to understand what lays behind the simple term recycled."

Der Bericht nennt diese Lücke ausdrücklich eine offene Tür für Greenwashing.

WWF, Watch and Jewellery Report 2023, S. 19. Zur WWF-Projektseite

Kann in „recyceltem" Gold neu gefördertes Gold stecken?

Ja. Sogar frisch aus der Mine.

Nach der gängigen Regel gilt Gold schon als „recycelt", wenn es nach seiner ersten Verarbeitung einmal umgeschmolzen wurde, ohne je bei einer Kundin gewesen zu sein. Und weil die Nachfrage nach „recyceltem" Gold das Angebot übersteigt, schreibt der WWF, seien manche Raffinerien dazu übergegangen, neues Gold zu fördern, es einmal einzuschmelzen und es als „recyceltes" zu verkaufen.

„some refineries have started to extract virgin gold, melt it down once, and sell it as recycled gold."

Das ist das Gegenteil des Gedankens, für den „recycelt" eigentlich steht.

WWF, Watch and Jewellery Report 2023, S. 19.

Streng genommen dürfte nur Gold aus Produkten mit weniger als 2 % Goldanteil „recycelt" heißen, also im Grunde Elektroschrott. Altschmuck oder Münzen wären „reprocessed", wiederverarbeitet. Fast alles, was in der Branche „recycelt" genannt wird, fiele nicht darunter.

Deshalb die Anführungszeichen. Ein Wort, das alles und nichts heißen kann, ist kein Versprechen.

Kann illegales Gold über den Umweg „recycelt" in den Handel kommen?

Ja.

Hier kommt eine zweite, unabhängige Quelle dazu: Swissaid, eine Schweizer Entwicklungsorganisation, die kein Gold verkauft. Sie schreibt 2025, ein besonderes Problem sei, dass „recyceltes" Gold kaum je geprüft werde, obwohl es oft aus illegalen Quellen stamme.

„a particular problem is that recycled gold is hardly ever checked, even though it often comes from illegal sources."

Swissaid, 29.09.2025. Zum Artikel

Der WWF hatte schon 2018 gewarnt, recyceltes Gold sei nicht ohne Risiko, es könne zur Geldwäsche oder zum Verstecken einer ungünstigen Herkunft dienen.

„recycled gold is not necessarily risk-free since it can be used for money laundering or to hide its unfavourable origin."

WWF, Watch and Jewellery Report 2018, S. 21.

Der Grund ist einfach: Sobald Gold zum Barren umgeschmolzen ist, trägt es seine Herkunft nicht mehr in sich. Was einmal im Ofen war, lässt sich keiner Mine mehr zuordnen. Wo die Papiere die einzige Spur sind, lassen sich Papiere fälschen.

Also: gute Idee, schlechte Umsetzung

Für die Umwelt ist wiederverwendetes Gold sinnvoll. Der WWF empfiehlt es sogar ausdrücklich, denn jeder Kreislauf spart neuen Bergbau, und der Bergbau ist das eigentliche Problem. Da bin ich völlig bei ihm. Und derselbe WWF-Bericht von 2018 nennt die Bedingung, unter der es funktioniert:

recycled gold can only present a valuable alternative when the origin can be proved and the material is transparently certified."

Nur wenn die Herkunft belegbar ist. Genau das ist der Punkt.

Solange „recycelt" kein geschützter Begriff ist, solange neu gefördertes Gold darunter passt und sich illegales Gold darüber verstecken kann, lässt sich bei diesem Gold eine Frage nicht beantworten: woher es kommt. Und das ist die Frage, für die die meisten Menschen zu mir kommen.

„Recyceltes" Gold ist eine gute Idee. Sie funktioniert nur noch nicht.

Was ich stattdessen anbiete

Fairtrade und Fairmined, beides Gold aus zertifiziertem Kleinbergbau, physisch getrennt gehalten und extern geprüft. Da ist die Herkunft belegt, genau die Bedingung, die der WWF nennt. Dazu Altgold aus der Familie, denn da weiß niemand besser Bescheid als die Menschen, denen es gehört.

Quellen: WWF Watch and Jewellery Report 2023 und 2018 (WWF Schweiz), nachzulesen auf der WWF-Projektseite zu Gold. Swissaid zum LBMA-Goldstandard, swissaid.ch. Die englischen Originalzitate stehen bewusst dabei, damit sich meine Übersetzung überprüfen lässt.